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| Glasgow von oben |
Samstag, sonnig, 21 Grad. Am Morgen machten wir uns auf den Weg zum Flughafen, ich mit shorties im Koffer - kurzen Rundstricknadeln. Und Wolle 😀 Das interessierte dort niemanden. Ich staunte wie schnell das Flugzeug offenes Wasser erreichte, mit dem Auto dauert das eine Stunde, fliegend nur 10 Minuten. Ich sah Arran und die Holy Isle von oben, dann lag eine niedrige Wollendecke zwischen uns und Ailsa Craig. In Dublin regnete es. Wer in Scotland lebt wird davon nicht abgeschreckt. Die Travelodge liegt nah an der Innenstadt, deshalb hatten wir dort gebucht. Die erste halbe Stunde sassen wir neben der Bar mit einem Kuchen und liessen alle anderen an uns vorbeiziehen am Check in. Zimmer im ersten Stock, genug Platz und alles was der Mensch notwendig findet. Wir richteten uns ein, der Mann schlief, ich nadelte an, bevor uns der Hunger rief. Mich nicht, aber nach der Island-Erfahrung war es besser dass ich mitging. Wie sich schnell zeigte, weil die Orientierung nach der dritten Kurve nicht existent war. Ich merke mir Landmarken, er wandert...er haette nicht heimgefunden. In diesem Ende der Stadt wollte uns niemand etwas zu Essen geben, alles war geschlossen. Eigenartig an einem Samstagabend. So endete die Suche in einem Chippie. Muss nicht sein. Nach ueber einem Vierteljahrhundert hat das keinen Noveltyvalue mehr. Zumal sie offenbar den Fisch erst in Dublin Bay an Land ziehen gingen - es dauerte ewig. Den Abend verbrachte ich mit stricken und Passanten beobachten, die auf Pedalo-Fahrzeugen vorbeiradelten oder in der Kutsche gezogen wurden. Dublin Nightlife.
Sonntag, wechselhaft, 19 Grad. Wir holten breakfast nebenan, der heimische Supermarkt hat hier Fillialen, und gingen dann in die andere Richtung von gestern. Da wurde es schnell ueberlaufen. An einem grossen historischen Gebaeude bog der Mann ab durch den Eingang: Trinity College. Jahrelang habe er den Namen gehoert, nun stehe er erstmals dort. Akademia hat ja ihre Verbindungen, Trinity rankt da vermutlich aehnlich wie seine Alma Mater St. Andrews. Ich war dort wegen des Book of Kells. Scheinbar auf Iona geschrieben und bemalt, nach Wikingerraubzuegen auf der Flucht nach Kells (Irland) gebracht und heute hier ausgestellt. Eine direkte? Verbindung zu St. Columba. Wir sassen in der Sonne und warteten auf unsere Einlasszeit. Ich fragte mich wie die Studenten mit den Besuchermassen umgehen. Wir waren am Vortag an den ausgelagerten Collegefakultaeten vorbeigegangen, aber hier in den alten Mauern wurde es doch recht voll. Nach dem Book of Kells stand noch die alte Buecherei auf dem Plan- mit Gaia unter der Decke. Die diente als Star Wars Kulisse in "Return of the Jedi", ohne Erlaubnis, weshalb Trinity Schadensersatz bekamen nach einer Klage. Wir wanderten danach die Strasse entlang und bogen in die Seitenstrasse ab - in das Temple Bar Viertel, die Innenstadt Dublins. Jede Menge Shops und Pubs mit "trad music" fuer Besucher, jede Menge Menschen. Wir gingen am Liffey entlang spazieren bevor wir uns auf den Heimweg machten. Nach zweieinhalb Umrundungen der Stadt erkannte ich Vieles wieder.
Montag, wechselhaft, 19 Grad. Ich wollte mich mit der Stadt bekanntmachen und deshalb kauften wir zum ersten Mal irgendwo Fahrkarten der Hop on/hop off Buse, die Dublin umrunden. Wir sahen uns die komplette erste Runde vom Bus aus an und suchten uns dann bei einem Kaffee im Cafe die Stops aus, die wir uns genauer ansehen wollten. Die Destillerien und das Guinness Storehouse interessierten uns nicht, wir sahen uns stattdessen den Park neben Oscar Wilde's Kindheitsheim an und die National Art Gallery auf der anderen Strassenseite. Dort vergassen wir kurz dass das 24-Stunden Ticket ein Loch in die Tasche brannte...😄 Nachdem wir uns losgerissen hatten landeten wir in einem weiteren Park neben St. Patrick's Cathedral. Das Castle ist bis Jahresende fuer Besucher geschlossen weil dort alle Events der irischen EU Praesidentschaft stattfinden. Wir sahen Phoenix Park, Nelly Hands Pub (der erste Pub, der einer Frau gehoerte - von der Gaeste nur die Haende zu sehen bekamen), Ryan's nebenan mit original viktorianischem Interieur, Gebauede mit Schussspuren der Easter Risings von 1916 und jede Menge Kirchen. Neben Christchurch steht noch ein Rest der mittelalterlichen Stadtmauer. Auf O'Connell Street steht eine moderne Stahl Stele als Monument aller Freiheitskaempfer, die ihr Leben liessen. Die Iren haben bekanntlich Humor und lieben ihre puns - daher hat die verschiedene Spitznamen: "Spire in the mire", the "Rod to God" oder auch "Stiletto in the Ghetto". Ein Fahrer nannte uns noch einem vierten, den seine singende Kollegin verschwieg, um die Amerikaner nicht vor den Kopf zu stossen: The "Stiffy by the Liffey". Das ist der Fluss durch Dublin. Sie war die letzte Fahrerin des Tages und die einzige, die uns nervte - einmal weil sie sang ("Molly Malone", "The Wild Rover") und dann fragte sie als einzige nach Trinkgeld und Trip Adviser Reviews ("Anne with an 'e'").
Dienstag, sonnig, 18 Grad. Unser Ticket vom Vortag war noch bis 11 Uhr 24 gueltig, daher nutzten wir das an diesem Morgen fuer die Fahrt zu Christchurch Cathedral. Das sind zwei Kirchen in einer, verbunden durch einen Gang in einer steinernen Bruecke, quasi die Schmalspurversion der Ponte Vecchio. Uns interessierte die auf der linken Seite - die rechte ist nach wie vor eine Kirche. Die linke beheimatet nun "Dublinia", das Museum der mittelalterlichen und Wikingergeschichte Dublins. Am Eingang geht man bereits durch ein halbiertes Drachenboot. Das Museum entstand durch den Medieval Trust, einem Verband von Historikern und lokaler Geschaeftsleute, die die Artefakte sammelten, die Kirche umbauten und das Ganze am Laufen halten. Das Cafe im obersten Stock war mein Favorit, da sassen wir vor einem der bunten Bleiglasfenster der ehemaligen Kirche und die historischen Details darauf sind faszinierend. Den Kirchturm dachte ich kurz an wegen der Aussicht ueber Dublin, aber die 96 Stufen gefielen dem Knie nicht so besonders. Das sollte noch einige Tage verwendbar bleiben...den Rueckweg den Berg hinunter traten wir langsam an, mit Pause in einer der Strassen von Temple Bar. Dort beobachtete ich einige formal gekleidete Menschen in der Mittagspause, die auf dem Balkon von Dublin Castle standen - also Ballkleid und Anzug. Da fand irgendwas Europaeisches statt. Im Zuge dessen sahen wir einem Kamerateam zu, das ein "spontanes" Gespraech zweier Frauen in der Fussgaengerzone filmte. Falls der mit dem Teleskop seine footage der Strassen drinliess sind wir darin zu sehen als optionale Extras. Eine junge Frau sprach mit ihnen und radelte dann an uns vorbei - sehr auffaellig in ihrem rosa gepunkteten Kleid mit gruenem Schal. Ueberhaupt war ich offenbar lange genug in Dublin, da ich bereits einige Passanten wiedererkannte von Vortagen. Den Mann zog es ueber den Liffey in einen Teil der Stadt, den wir noch nicht gesehen hatten. Ich wuerde den als multikulturell bezeichnen. Immer noch Fussgaengerzone, aber mehr mit Bazarcharakter. Dort fanden wir die rosa Frau wieder, bei einem Protest von etwa fuenf Menschen gegen die Zusammenarbeit eines der Unternehmen mit Israel. Die meisten Passanten waren davon unbeeindruckt. Warum sie sich eine kleine Filliale ausgesucht hatten statt des HQs lag vermutlich daran dass der Mann mit seinem Megaphone dort durch die Eingangstuer bruellen konnte. Wir bogen nach rechts ab, da ging der Bazar an der naechsten Kreuzung in die Haupt-Shoppingmeile ueber. Deutlich sichtbar am Ende bereits die Stele auf O'Connell Street. Den Mann zog es auf einen MacBurger. Dublin did not disappoint - MickeyD lieferte ein Rahmenprogramm eines Kampfes des Bouncers mit einem aggressiven "Gast", den er zur Tuer hinauszwang waehrend der Alarm im Laden aktiviert wurde, inklusive Anforderung der Garda. Oh well. Ich merkte an dass wir nun eine Beinahe-Schlaegerei geboten bekamen, ich erwartete naechstens einen guten Raubueberfall...
Mittwoch, regnerisch, 21 Grad. Haette ich Mal nichts gesagt...am Morgen brachen wir auf um Fahrkarten fuer einen Kuestentrip zu kaufen. Gardas kamen uns im PKW entgegen, an der naechsten Ecke warteten mehr Gardas (ein PKW, ein Van), ein Krankenwagen, zwei Loeschzuege und ein weiterer Krankenwagen hinter ein paar Autos im Stau an der Ampel. Wir hielten uns nicht zu lange auf...stattdessen machten wir uns ueber den Liffey und in ein Cafe zum Fruehstueck, bis der Schalter des Busunternehmens offen war. Karten gekauft gingen wir O'Connel Street entlang zur Haltestelle. Und sahen einem Garda zu, wie er einen Mann verhaftete und im PKW wegbrachte. Er trug PPE wenn er ihn anfassen musste. Hmmm...im Bus sahen wir dann zwei weiteren Garda zu, die offenbar zwei Zeugen eines Geschehens befragten. Dublin delivers 😟 Zum Glueck fuhr der Bus los, an Dublin Bay entlang nach Howth, einem Fischerstaedtchen auf einer Peninsula. Dort stiegen wir aus fuer einen Spaziergang zum Summit mit Aussicht auf Dublin Bay und die Wicklow Mountains - umwerfend, wir fuehlten uns sofort wie daheim. Siehe Foto unten 😄 In Howth assen wir zu Mittag, um einige Euros in die lokalen Koffer fliessen zu lassen, und wanderten dann etwas durch die Stadt. Der Fahrer berichtete allerhand auf dem Weg, vom Geburtshaus Bram Stokers bis zum Debut von U2, und zeigte uns das Grab von Phil Lynott (Thin Lizzie), der in Howth aufwuchs. Auf der Rueckfahrt spielte er deshalb auch eine playlist mit Thin Lizzie, den Pogues und U2. Es war ein beautiful day in der dirty old town, mit genug whiskey in the jar...der Mann spuerte die vergangenen vier Tage und brauchte eine Pause im Hotelzimmer. Ich hielt einen Catnap, weil er mich jede Nacht geweckt hatte. Irgendwann musste ich das nachholen. Es fuehlte sich an, als ob wir seit einer ganzen Woche in Dublin unterwegs gewesen seien...
Donnerstag, leichter Niesel, 20 Grad. Es zog uns wieder in die National Gallery hier um die Ecke, weil wir nur einen kleinen Teil davon gesehen hatten. Wir arbeiteten uns Stockwerk um Stockwerk voran auf der Suche nach einem Caravaggio, mehreren Tintorettos und zwei Bildern von Tizian. Den Picasso, Feininger und die Monets sahen wir bereits auf der Stipvisite. El Greco war auch da. Und ich wunderte mich ueber einen "Instagram-Husband", dessen weibliche Begleitung sich seitlich vor einem Gemaelde positionierte damit er diesen "candid shot" von ihr machen konnte, der sie "vertieft in die Kunst" zeigte...was sie dann pruefte und wiederholen liess, weil ihr das "Spontanfoto" nicht gefiel. Performative art? Ein kuratierter feed auf jeden Fall. Da war mir die Frau lieber, die einen der antiken Spiegel in der Gallery als solchen nutzte und ihre Frisur zurechtstrich nach der Brise draussen. Im Cafe waren wir zweimal, zum breakfast und lunch. Der Museumsshop erbrachte Beute, ich fand ein Leinengeschirrtuch voller Blumen einer irischen Malerin. Irisches Leinen ist beruehmt fuer die Qualitaet des Stoffes und die feine Stickerei. Damit habe ich das erste Weihnachtsgeschenk...dafuer begannen sie in einer Ecke auch zu dekorieren. Auf dem Heimweg war ich in einer Apotheke, die Ruesselpest war im Anmarsch. Ich vermied die andere Apotheke auf dem Hinweg, obwohl sie in "Ulysses" erwaehnt wird - die hat ein Bestattungsunternehmen als direkten Nachbarn 🧐🤔 Ueberraschenderweise bekam ich etliche Stunden Schlaf, waehrend der Mann seine senile Bettflucht damit bezahlte dass er einen Mann berichten musste, der reglos vor der Tuer lag. Er dachte erst der sei nicht mehr, zum Glueck war er "nur" sturzbetrunken.
Freitag, wechselhaft, von kuehl bis warm mit Seitenwind. Am Morgen bestand der Mann auf einen Spaziergang am Liffey entlang, in Richtung Docklands. Also breite Strassen und der Fluss, soll heissen: Der Wind holte mich zeitweise fast von den Fuessen. Natuerlich konnten wir das nicht an einem warmen Tag tun...kurz vor der Samuel Beckett Bruecke streikte ich, mein Kopf wurde kalt und das Innenohr begann zu schmerzen, das brauchte ich nicht zur Ruesselpest dazu. Ein brekkie im Cafe waermte mich soweit wieder auf dass wir umkehrten und uns George's Dock ansahen, im Busbahnhof nach dem Airport Shuttle fragten und dann in O'Connell Street im Cafe eines Buchladens Suppe bestellten. Der hatte auch Kuenstlerbedarf, aber leider keine Wolle. Es blieb bei der vom Dienstag. Die Krankheit und die Doppelportion an Schmerzmitteln (fuer mein Knie und gegen die Grippe) legten mich lahm, ich schlief beinahe ein am Tisch. Dem Mann ging es genauso, wir kehrten um fuer einen Mittagsschlaf. Am Nachmittag besuchten wir einen weiteren Buchladen mit Cafe im oberen Stock, dieses war voller Studenten. Eine Asiatin sass in der Ecke und zeichnete, sie war die erste die wir mit dem Skizzenbuch sahen. Wir hatten dereinst immer eins dabei...da waren Handies noch nicht mit den Fingern verwachsen...Wir immer am Tag vor einem Heimflug packte ich alles, was ich nicht mehr anfassen musste.
Nach dem Kaffee geben wir den Koffer an der Rezeption ab bis wir in das Shuttle steigen muessen.




Oh das war ein schöner Einblick.
ReplyDeleteLiebe Grüße
Andrea